Fairness

Vorwort

Was ist ein „Arschengel“?

Lieber Leser, auch ich habe mich das vor vielen Jahren gefragt. Der Begriff ist provokant und erst einmal abstoßend, aber bei genauerem Hinsehen, hilfreich.

Eine wundervolle Einrichtung dieser Welt ist das sogenannte „Resonanzgesetz“. Es besagt, dass wir das anziehen, was wir ausstrahlen. Laufen wir fröhlich durch die Welt, treffen wir viele fröhliche Menschen. Fühle ich mich unsicher, ziehe ich unsichere Menschen an.

Wenn uns ein Mensch hilft, dann nennen wir diesen gerne Engel. Kommt ein Mensch der uns aufregt und provoziert denken, oder sagen wir: „So ein Arsch!“ Aufregen oder provozieren kann uns nur etwas was mit uns zu tun hat. Das heutige Mobbing läuft genau so nach dem Resonanzgesetz ab. Der Täter fühlt sich vom Opfer provoziert. Das anders sein z.B. die Schüchternheit oder Unbeholfenheit, provoziert den Täter, weil dieses Gefühl, genau so ihn ihm steckt und ihn unsicher macht. Um das unangenehme Gefühl “los zu werden”, wird alle Energie aktiviert, die da ist. Mit großem Gehabe und Angriffe auf Schwächere kann das Minderwertigkeits Gefühl unterdrückt werden. Es gibt dem Täter das Gefühl stärker zu sein als andere. Und dies ist der Grund weshalb er es tut. Erkennen wir die missliche Lage des Täters und des Opfers, erkennen wir, das wir die selben Gefühle und Nöte haben, so machen wir aus dem Arsch, einen Engel. Dies er gibt den Arschengel.

Wir sind alle Arschengel. Einmal Arsch und einmal Engel. Die Gefühle die ein Arsch in uns auslöst zu fühlen, ist unsere Aufgabe. Dies ist nicht nur zu unserem Nutzen. So können wir lernen und sind auch gleichzeitig Lehrer. Denn Mensch sein bedeutet schlussendlich fühlen.

„Arsch- Engel

„Brrr, ist das kalt!” Lisa sitzt in der Küche und tropft.

In eine warme Decke eingepackt, fragt sie zähneklappernd:
„O…mmaaa, machst du mir einen Tee?”
Oma schaut vom Küchenboden hoch.
“Ich mach dir gleich einen Lindenblühtentee.”
Mit einem grossen Handtuch rubbelt sie den nassen Bauch von Taki.
Das Tuch ist so gross, dass der kleine Hund nicht wegrennen kann.

Taki hat schon ein paarmal versucht, aus dieser Rubbel-Geschichte weg zu kommen.
Endlich ist es ihr gelungen.

Oma steht auf. „So, der Hund ist trocken, jetzt kommt das Kind.”
Sie nimmt das Handtuch und geht lachend auf Lisa zu.
„Iii… nein!”, schreit diese und versteckt sich in der Decke.
Oma lacht, sie legt das Tuch unter den tropfenden Stuhl.
Beim Hochsehen sagt sie verschmitzt zu Lisa: „Das war wohl keine gute Idee, ohne Schirm mit Taki laufen zu gehen, bei diesem Regen?”

Lisa murmelt: „Schirme sind uncool. Die sind nur im Weg. Taki braucht auch keinen.”
Oma lächelt. „Taki ist schon trocken, möchtest du dir nicht auch etwas Trockenes anziehen? Ich mache dir in der Zwischenzeit einen Tee.”
Lisa überlegt, es wird langsam wärmer unter der Decke, aber die Kleider sind noch klebrig-nass.

“Nö, keine Lust, kannst du mich nicht auch trocken rubbeln?” Sie schaut erwartungsvoll zu Oma.

In diesem Moment geht die Eingangstür auf. Opa kommt herein gepoltert, in tropfenden Stiefeln und triefendem Regenmantel. Sogar sein Hut tropft noch.

„Hallo, ihr zwei Hübschen”, ruft er in die Küche und zieht sich die nassen Sachen aus.
„Ja, hallo!”, ruft Oma freudig.

„Gut, dass du kommst”, ruft Oma mit einem verschmitzten Blick auf Lisa.
„Wir brauchen hier dringend einen guten Trocken-Rubbler. Lisa möchte sich nicht trocken anziehen!”

Händereibend steht Opa Robert in der Tür. Mit seinem grossen Grinsen geht er auf Lisa zu. „Ja, da lasst uns doch mal sehen, was da zu machen ist.”
Er kitzelt und rubbelt an Lisa herum, bis sie lachend vom Stuhl fällt.

„Stopp, halt, halt, aufhören”, japst sie aus der Decke.
„Ich gehe ja schon.”
Schnell krabbelt sie vom Boden hoch und rennt aus der Küche.
Opa ruft ihr nach: „Ach, wie schade, ich bin noch gar nicht fertig!”
Opa schaut Oma fragend an. „Weshalb ist Lisa so nass?“
Oma sagt nur: „Sie ist cool.”

Lisa kommt in trockener Kleidung, zurück in die Küche.
Opa mustert sie, nimmt das Rubbeltuch von Taki in die Hand und sagt: „Ha, da ist ja noch Wasser auf deinem Kopf!“
Schon fliegt das Tuch auf Lisas Kopf und Opa rubbelt weiter.

„Iiiiiii, nein, wäää, das ist eklig. Lass das!“, ruft sie und versucht sich daraus zu befreien.

Opa lacht und macht weiter.
„Nein, nein, lass das, lass das, hör auf! Ich will das nicht… du bist so, so ein…“ – „Arsch… Engel?“, fragt Opa vergnügt.
Lisa wird ganz klein, so etwas hätte sie nie gesagt.
Gedacht vielleicht, aber niemals gesagt.

Er hat aufgehört. Lisa schaut ihn verblüfft von unten an.

„Roooobert!“, hört sie Oma rufen.
„Was benutzt du denn für Wörter?“, fragt sie scheltend.
Opa schaut sie unschuldig an. „Du meinst ‚Arschengel‘?“
Oma ist beinahe sprachlos. „Rooobert! Was soll denn das?“

Lisa nutzt den Moment, sie flitzt aus der Küche ins Bad. Mit einem Tuch um ihr Haar gewickelt, kommt sie neugierig zurück.
Opa sitzt am Tisch und liest Zeitung.
Oma hantiert am Herd.
Sie rutscht auf einen Stuhl und wartet. Nichts!
Nach einer kleinen Weile flüstert sie: „Opa, was ist ein Arschengel?“
Ganz leise, dass Oma nichts hört.
Oma hat es gehört.

Sie dreht sich um und schaut Opa streng an. „Ja, bitte Opa, sag uns, was ist ein Arschengel?“
Sie sagt es nicht sehr freundlich.

Opa grinst.
Er faltet die Zeitung zusammen und schaut die beiden lachend an.
„Das ist ein Wort, das man kennen sollte, aber eher selten ausspricht.
Die Erklärung dazu:
Jeder Mensch ist mal ein Arsch und mal ein Engel.
Ein Arsch ist man, wenn man andere ärgert, ob absichtlich, oder unabsichtlich.
Ein Engel ist man, wenn der Geärgerte etwas daraus lernt.“

Man kann sehen, wie Oma denkt.
„Ist jeder mal ein Arschengel?“, fragt Lisa nach.
„Ja“, sagt er knapp.
Es ist ganz still.
Oma fragt: „Wenn mich jemand ärgert, kann ich von ihm etwas lernen?
Habe ich es gelernt, ist der andere ein Engel?“

Opa schaut hoch. „Genau!“ Zu Lisa gewandt sagt er: „Als ich dir vorhin das Haar gerubbelt habe, hast du dich geärgert, also war ich ein A…… Du hast ein Tuch geholt und deine Haare getrocknet, somit hast du das gemacht, was nötig war, dadurch wurde ich zum Engel.“
Oma ist mit dieser Antwort vorerst zufrieden.
Sie stellt Lisa einen Tee auf den Tisch und gemeinsam essen sie Abendbrot.

Für Lisa ist dieses Thema sehr interessant. Sie würde gerne noch mehr darüber hören.
Da Oma so nachdenklich ist, lässt sie das Nachfragen jedoch lieber sein.

Als Opa Lisa ins Bett bringt, erzählt sie ihm von ihrem Ausflug durch den Regen.
„Weisst du, Opa, ich mag es, wenn die Regentropfen auf meinem Gesicht tanzen. Es kitzelt so schön. Ich kann jeden einzelnen Tropfen auf meinem Kopf spüren. Deswegen mag ich keinen Regenschirm, auch wenn ich dabei nass werde. Es ist so, wie sauber werden, aber halt anders.“

Opa lächelt sie an. „Ja, das verstehe ich gut, es geht mir genauso. Ich mag den Regen auch. Er macht wirklich alles sauber. Das erklärt aber nicht, weshalb du dich nicht trocken anziehen wolltest?“ Er schaut sie fragend an.

Lisa überlegt kurz. „Ich weiss auch nicht… bist du mir böse?“
Opa lächelt. „Nein, ich bin dir nicht böse, weshalb denn. Du hast mich erinnert, dass ich ein Arschengel sein kann.“
Lisa krabbelt erwartungsvoll auf ihr Bett. „Kannst du mir das noch mal erklären, mit dem Arschengel?“

Auch Taki liegt eingerollt am Fussende des Bettes und kuschelt sich an Lisas Beine.

Opa setzt sich bequem hin.
„Es gibt so, ich nenne es jetzt mal Spielregeln, im Universum.
Eine dieser Regeln ist das ‘Spiegeln’.

Stell dir vor, alles, was du siehst, geschieht in einem Spiegel.
Du stehst vor dem Spiegel und was du siehst, ist dein Spiegelbild.
Wenn dich das Verhalten eines Menschen ärgert, dann ist es dein eigener Ärger, den du im Spiegel siehst, auch wenn du meinst, eine andere Person zu sehen. Das Gefühl und das Verhalten, das du in diesen Momenten siehst, ist dein Eigenes.
Das Universum möchte dir helfen, dich so zu sehen, wie du wirklich bist.“
Lisa schaut zum Spiegel hinüber und knurrt.
„Der Spiegel ist blöd.“

„Weshalb ist der Spiegel blöd?“, fragt Opa.
„Ich will gar nicht sehen, wie ich bin, wenn ich mich ärgere!“
„Weshalb nicht?“, fragt er.
Sie überlegt. „Es ist unangenehm… sich zu sehen, wenn man nicht nett ist. Weil sowieso mit einem geschimpft wird, weil man nicht nett ist“, sagt sie.
Opa kratzt sich am Kopf. „Hmm… du meinst, es ist unangenehm geschimpft zu werden, wenn du ärgerlich bist. Weil das Ärgerlich sein, schon unangenehm ist?“
Lisa nickt.

„Mein liebes Kind, in Wahrheit sind wir Alle nicht nur brave und friedliche Engel, hin und wieder sind wir ein Ar….., das… Andere.“ Lisa kichert.
„Es ist eine Tatsache, dass wir Alle mal schlecht gelaunt, ärgerlich, wütend oder gar unhöflich sind. Jeder ist das! Das ist absolut in Ordnung.
Unsere Gefühle zu bemerken und daraus zu lernen, das ist so ziemlich das Wichtigste, dadurch lernen wir Menschen.
Wollen wir nicht sehen, dass wir zum Beispiel unvernünftig sind, dann kommen Menschen, die genauso unvernünftig sind, in unseren Lebensspiegel.
So wie ich vorhin in der Küche, als du, unvernünftig, deine Haare nicht trocknen wolltest.

Auch ich bin manches Mal unvernünftig oder ärgerlich, manches Mal sogar unhöflich.“
„Duuu?“, ruft Lisa, dann überlegt sie. „Du bist … fast … immer lieb.“

Opa lacht.
„Ich bin ganz froh, dass ich in meinem Spiegel ab und zu einen Arschengel erkenne. Wenn jemand unhöflich zu mir ist, bemerke ich, was ich fühle und kann mich selber sehen.
Der Spiegel gibt mir die Möglichkeit zu verstehen, was ich verändern kann und so wird der Andere zum Engel.“
Lisa unterbricht Opa und fragt: „Also, wenn mich Melanie in der Schule ärgert, kann ich von ihr etwas lernen?“ Sie schaut ihn vorsichtig an.
„Erzähl, was ärgert dich denn an Melanie?“, fragt er.

Lisa überlegt. „Dass sie, wenn man ihr etwas sagt, es nie tut. Sie muss erst ein Theater machen.
Sagt die Lehrerin was zu tun ist, hört sie nicht zu. Das nervt, und die ganze Klasse muss auf sie warten.“

„HAHA!“ Lauthals lacht Opa.
„Das kommt mir doch irgendwie bekannt vor!“
Sie schaut ihn schräg an. „Wieso?“
„Na, was war vorhin in der Küche, als du, pitschenass, dich nicht abtrocknen wolltest?“
„Aber das ist doch etwas Anderes!“, ruft sie dazwischen.
Er schaut sie fragend an: „Ist es das? Schau mal in deinen Spiegel.“

Lisa verkriecht sich grummelnd unter die Bettdecke.
Unter der Decke hervor blinzelnd meint sie: „Deshalb ärgert mich Melanie so, weil sie mein Spiegelbild ist? Weil ich genauso nicht zuhöre?“
Opa lächelt sanft. „Du hältst vielleicht nicht den ganzen Schulbetrieb auf, aber soo gerne machst du nicht, was man dir sagt oder was manches Mal nötig wäre.“
Lisa kommt unter der Decke hervor. „Also ist Meli mein Arschengel?“
Opa kratzt sich am Kopf. „Ich denke schon.“
Etwas sauer fragt sie: „Und wie werde ich den Arschengel wieder los?“
Jetzt muss Opa echt aufpassen, nicht vom Bett zu fallen vor Lachen.
Er sagt: „Gar nicht! Dein Spiegelbild wirst du nie los.“
Lisa ist gar nicht begeistert.

Weiter erklärt er: „Lerne, das zu sehen, was im Spiegel ist. Nimm es als wunderbares Geschenk an. Du lernst, dass du Meli nicht verändern kannst, oder einen anderen Menschen, aber du kannst etwas in dir verändern. Deine Gedanken, die du über andere denkst und dein Verhalten.
Ziehst du eine andere Hose an, so verändert sich dein Spiegelbild.
Wenn du deine Gedanken und dein Verhalten änderst, geschieht dasselbe im Spiegel, wie bei der Hose.
Das zu sehen ist wirklich ein Geschenk, und der andere wird dadurch zum Engel.“
Lisa überlegt.
„Also mein Arschengel ist ein Geschenk, weil er dasselbe tut wie ich und ich es sehen kann?!
Sobald ich es anders mache, verändert sich der Ar……“ – „Ja richtig. Jetzt ist es aber genug mit diesem Wort!“, unterbricht Opa sie bestimmt. „Ich habe dir gesagt, es ist ein Wort, dass man kennen soll, aber nicht unbedingt aussprechen muss. Das kann echt verletzend sein.“
Lisa schaut erschrocken zu Opa hoch.
„Entschuldigung, das wollte ich nicht…
Aber wenn man auf jemanden sauer ist, ist es echt cool. Nur im Kopf!“, fügt sie schnell hinzu und grinst verschmitzt.

Dazu sagt Opa besser nichts.
Er steht vom Bett auf und gibt ihr einen Kuss.
„Gute Nacht, mein kleiner… A-E!“, sagt er und zwinkert ihr zu.
Behutsam schließt er die Tür.
„Gute Nacht, Opa.“

„Stopolino?“, fragt sie leise in den dunklen Raum. „Bist du da?“
„Klar bin ich da. Na, hast du dich heute schon gefreut?“, kommt vom Fenster herüber.

„Ich glaube schon. Ja klar.“ Es ist ganz still im Zimmer.
Bis Lisa fragt: „Bin ich auch ein A…engel?“
Stopolino bleibt auf dem Fensterbrett sitzen.
„Sicher“, lacht er. „Alle Menschen sind das. Ihr helft euch damit!“

Lisa schaut zu ihm hinüber und lächelt ihn an.
„Dann ist es richtig nett ein Arschengel zu sein“, stellt sie leise fest.

Kichernd meint Stopolino: „Ja, das ist es. Ihr seid alle da, um gemeinsam zu lernen.
Jeder hilft dem Anderen. Auch wenn es nicht immer leicht zu erkennen ist.“
Lisa überlegt laut: „Zum Glück hat das Universum den Spiegel erfunden.“

Stopolino freut sich. Leise sagt er: „Ich habe dich lieb, Lisa.
Und alle anderen Arschengel auch! Schlaf gut!“

„Gute Nacht!“, sagt Lisa leise.
„Ich habe dich auch lieb… und alle A…engel!“
Ein leises Kichern kommt noch unter der Decke hervor.

Danksagung

Für das wunderschöne und treffende Wort, Arschengel, möchte ich mich zu aller erst beim Autor und Coach, Robert Betz, bedanken.

Robert Betz gebraucht in Büchern und Vorträgen immer wieder klare und ehrliche Worte, die die Menschen zum Nachdenken bewegen, so wie auch mich.

Der Arschengel begleitet mich schon seit mehr als 10 Jahren. Wie ich feststellen konnte, berührt er nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder.

Ich hoffe, dass durch diese „Stopolino“-Geschichte der Weg zwischen Arsch und Engel für uns alle kürzer wird.

Ich bedanke mich herzlichst bei Robert Betz für seine Einwilligung und lehrreiche Mithilfe bei dieser Geschichte. Ich freue mich sehr darüber.

Barbara Reinhard